Blog/Klaus Grawes neurobiologische Grundbedürfnisse: Was aktuelle Forschung bestätigt — und warum die beMOVE Methode sie konsequent umsetzt
Neuropsychologie··Ralf Hofmann & Felix Heller

Klaus Grawes neurobiologische Grundbedürfnisse: Was aktuelle Forschung bestätigt — und warum die beMOVE Methode sie konsequent umsetzt

Eine Analyse von Klaus Grawes vier psychologischen Grundbedürfnissen im Licht aktueller neurowissenschaftlicher Forschung, der Verbindung zur Selbstbestimmungstheorie und warum die beMOVE Methode diese Erkenntnisse am konsequentesten in die Coaching-Praxis überträgt.

Management Summary

Klaus Grawe formulierte 2004 in seiner Neuropsychotherapie vier neurobiologisch verankerte psychologische Grundbedürfnisse: Bindung, Orientierung und Kontrolle, Selbstwerterhöhung sowie Lustgewinn und Unlustvermeidung. Seine Konsistenztheorie postuliert: Psychisches Wohlbefinden hängt davon ab, wie gut diese Bedürfnisse befriedigt werden. Inkongruenz — die Diskrepanz zwischen motivationalen Zielen und erlebter Realität — ist der zentrale Risikofaktor für psychische Belastung. Aktuelle Forschung bestätigt dieses Modell auf mehreren Ebenen: Eine Metaanalyse von Fries und Grawe (2006) belegt den Zusammenhang zwischen Inkonsistenz und psychischen Symptomen. Goldbach und Kollegen (2025) lieferten erstmals experimentelle Evidenz. Reeve und Lee (2019) wiesen mittels Neuroimaging nach, dass Bedürfnisbefriedigung mit spezifischen neuronalen Aktivierungsmustern einhergeht. Die beMOVE Methode — entwickelt von Ralf Hofmann und Felix Heller — überträgt Grawes Erkenntnisse in ein strukturiertes Coaching-Framework, das alle vier Grundbedürfnisse systematisch adressiert und dabei einen entscheidenden Schritt weitergeht als bestehende Ansätze: Sie verbindet neurobiologische Grundlagenforschung mit konkreter Veränderungsarbeit an der Schnittstelle von Kognition, Emotion und Beziehung.


1. Klaus Grawes Vermächtnis: Vier Bedürfnisse, ein Prinzip

Klaus Grawe (1943–2005) war einer der einflussreichsten Psychotherapieforscher des deutschsprachigen Raums. Sein Hauptwerk Neuropsychotherapie (2004), publiziert bei Hogrefe, markierte einen Paradigmenwechsel: Erstmals wurden die Erkenntnisse der Neurowissenschaften systematisch mit psychotherapeutischer Praxis verbunden.

Grawes zentrale These: Vier psychologische Grundbedürfnisse sind neurobiologisch im menschlichen Gehirn verankert. Sie sind nicht hierarchisch geordnet — anders als bei Maslow — sondern gleichwertig und interagierend:

Die vier Grundbedürfnisse

1. Bindung — Das Bedürfnis nach sicheren sozialen Beziehungen und Zugehörigkeit. Neurobiologisch vermittelt durch Oxytocin-Signalwege und amygdalagesteuerte Sicherheitssignale. Bindung ist kein Luxus, sondern eine neurologische Grundvoraussetzung für Regulation und Entwicklung.

2. Orientierung und Kontrolle — Das Bedürfnis, die eigene Umgebung zu verstehen, Ergebnisse vorherzusagen und Einfluss ausüben zu können. Verankert in präfrontalen Exekutivfunktionen und dopaminergen Belohnungsvorhersage-Schaltkreisen. Wer Kontrolle verliert, verliert den Zugang zu seinen Ressourcen.

3. Selbstwerterhöhung — Das Bedürfnis, sich selbst als wertvoll, kompetent und grundsätzlich gut wahrzunehmen. Grawe betonte, dass Selbstwert keine stabile Eigenschaft ist, sondern ein Prozess, der kontinuierliche Bestätigung erfordert — durch eigene Erfahrungen und durch das soziale Umfeld.

4. Lustgewinn und Unlustvermeidung — Der fundamentale hedonische Antrieb, positive Erfahrungen zu suchen und negative zu meiden. Verankert im Annäherungs- und Vermeidungsmotivationssystem. Dieses Bedürfnis ist die evolutionäre Grundlage allen zielgerichteten Verhaltens.

Ralf Hofmann ordnet Grawes Modell für die Praxis ein: „Was Grawe beschrieben hat, erleben wir in unserer Arbeit mit Paaren und Einzelpersonen täglich. Wenn jemand nach einer Trennung in eine Krise gerät, sind in der Regel alle vier Grundbedürfnisse gleichzeitig verletzt: Die Bindung ist gebrochen, die Orientierung fehlt, der Selbstwert ist erschüttert, und das gesamte Erleben wird von Unlust dominiert. Wer nur an einem dieser Bedürfnisse arbeitet, greift zu kurz."

Das Konsistenzprinzip

Das übergeordnete Prinzip in Grawes Modell ist Konsistenz — das Streben des Organismus nach Übereinstimmung zwischen neuronalen und mentalen Prozessen. Wenn die Grundbedürfnisse befriedigt werden, herrscht Kongruenz. Wenn eine Diskrepanz zwischen dem besteht, was ein Mensch braucht, und dem, was er erlebt, entsteht Inkongruenz.

Grosse Holtforth und Grawe (2003) entwickelten den Inkongruenzfragebogen (INK) und zeigten: Inkongruenz ist bei Menschen mit psychischen Belastungen signifikant höher als bei Gesunden und korreliert mit der Symptomschwere. Damit formulierte Grawe eine empirisch überprüfbare These: Nicht die spezifische Störung ist das Kernproblem, sondern die Frustration grundlegender Bedürfnisse.

2. Aktuelle Forschung: Was die Wissenschaft seit Grawe bestätigt hat

Grawes Werk war seiner Zeit voraus. Die empirische Bestätigung kam in den folgenden zwei Jahrzehnten — und sie ist bemerkenswert konsistent.

2.1 Metaanalytische Evidenz

Fries und Grawe (2006) legten eine Metaanalyse vor, publiziert in der Zeitschrift für Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie, die den Zusammenhang zwischen motivationaler Inkonsistenz und psychischen Symptomen — Depression, Angst, Somatisierung — über mehrere Studien hinweg bestätigte. Der Befund war eindeutig: Je höher die Inkongruenz zwischen Bedürfnissen und Realität, desto stärker die psychische Belastung.

2.2 Experimentelle Bestätigung

Ein Meilenstein kam 2025: Goldbach und Kollegen publizierten im European Journal of Investigation in Health, Psychology and Education die erste experimentelle Validierung. Sie induzierten motivationale Inkongruenz unter kontrollierten Bedingungen und wiesen nach: Inkongruenz verursacht kausal erhöhten Stress — es handelt sich nicht nur um eine Korrelation. Damit wurde Grawes theoretisches Modell auf die höchste Evidenzstufe gehoben.

2.3 Neuroimaging-Befunde

Reeve und Lee (2019) publizierten im Journal of Personality eine neurowissenschaftliche Perspektive auf psychologische Grundbedürfnisse. Ihre Neuroimaging-Daten zeigten: Bedürfnisbefriedigung ist mit spezifischer Aktivität im Striatum und funktioneller Koaktivierung der anterioren Insula assoziiert. Damit hat die Bedürfnisforschung eine neuronale Signatur — Grawes Postulat von der neurobiologischen Verankerung ist keine Metapher, sondern messbare Realität.

Felix Heller betont die Bedeutung dieses Befunds: „Wenn wir im Coaching davon sprechen, dass bestimmte Bedürfnisse nicht erfüllt sind, dann ist das keine subjektive Einschätzung. Es ist ein Zustand, der sich im Gehirn messen lässt. Das verändert den Anspruch an die Qualität von Coaching-Methoden: Sie müssen neurobiologisch wirksam sein — nicht nur gut klingen."

2.4 Konvergenz mit der Selbstbestimmungstheorie

Die Selbstbestimmungstheorie (Self-Determination Theory, SDT) nach Deci und Ryan (2000), publiziert in Psychological Inquiry, identifizierte drei psychologische Grundbedürfnisse: Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit. Die Überlappung mit Grawes Modell ist bemerkenswert:

| Grawe | Deci & Ryan (SDT) | |-------|-------------------| | Bindung | Soziale Eingebundenheit (Relatedness) | | Orientierung & Kontrolle | Autonomie + Kompetenz | | Selbstwerterhöhung | (nicht als eigenständiges Bedürfnis) | | Lustgewinn/Unlustvermeidung | (nicht als eigenständiges Bedürfnis) |

Ryan und Deci (2017) systematisierten ihre Forschung in Self-Determination Theory bei Guilford Press. Vansteenkiste, Ryan und Soenens (2020) erweiterten die Theorie in Motivation and Emotion um das Konzept der Bedürfnisfrustration — ein Befund, der direkt an Grawes Inkongruenztheorie anschließt.

Ralf Hofmann sieht in dieser Konvergenz ein starkes Argument: „Wenn zwei unabhängige Forschungstraditionen — Grawe in der Neuropsychologie, Deci und Ryan in der Motivationsforschung — auf dieselben grundlegenden Strukturen stoßen, dann ist das kein Zufall. Grawes Modell geht aber weiter: Er identifiziert mit Selbstwerterhöhung und der hedonischen Dimension zwei Bedürfnisse, die SDT nicht als eigenständig behandelt. Und genau diese beiden sind es, die in Beziehungskrisen am stärksten betroffen sind."

2.5 Unabhängige Konvergenz: Epsteins CEST

Noch bevor Grawe sein Modell formulierte, beschrieb Seymour Epstein (1990, 2003) in seiner Cognitive-Experiential Self-Theory vier parallel existierende Grundbedürfnisse: Lust/Unlust, Zugehörigkeit, Stabilität/Kohärenz und Selbstwert. Die Übereinstimmung mit Grawes Modell ist frappierend — und sie entstand unabhängig voneinander. Drei verschiedene Forschungstraditionen triangulieren auf dieselben Grundstrukturen.

3. Die Konsequenz für Beziehungen

Was bedeuten Grawes Grundbedürfnisse für das Gelingen von Partnerschaften? Die Antwort ist direkter, als man erwarten würde.

Eine funktionale Beziehung zeichnet sich dadurch aus, dass sie alle vier Grundbedürfnisse beider Partner befriedigt:

  • Bindung: Der Partner ist eine sichere Basis — emotional verfügbar, responsiv, verlässlich
  • Orientierung und Kontrolle: Beide Partner haben Einfluss auf die Gestaltung der Beziehung, fühlen sich wirksam und verstehen, was passiert
  • Selbstwert: Die Beziehung stärkt das Selbstbild beider Partner — durch Wertschätzung, Anerkennung und Respekt
  • Lustgewinn: Die Beziehung ist eine Quelle positiver Erfahrungen — Freude, Nähe, Genuss, gemeinsames Erleben

Ralf Hofmann beschreibt den Umkehrschluss: „Wenn eine Beziehung scheitert oder in eine Krise gerät, lässt sich das fast immer auf die Frustration eines oder mehrerer Grundbedürfnisse zurückführen. Die Affektive Disparitätsdynamik zum Beispiel ist im Kern eine Bindungsverletzung, die sekundär alle anderen Bedürfnisse mitreißt: Der verfolgende Partner verliert die Orientierung, sein Selbstwert bricht ein, und das gesamte Erleben wird von Unlust dominiert."

Forschung zur Selbstbestimmungstheorie in Paarbeziehungen bestätigt diese Perspektive. Oz-Soysal und Kollegen (2024) zeigten: Das Gefühl, in der Beziehung das authentische Selbst leben zu können — ein Ausdruck befriedigter Autonomie und Selbstwert — ist einer der stärksten Prädiktoren für langfristige Beziehungszufriedenheit.

4. Die beMOVE Methode: Grawes Grundbedürfnisse in der Praxis

Die meisten Coaching-Ansätze adressieren Grundbedürfnisse implizit. Sie arbeiten an Kommunikation, an Verhaltensänderung, an Glaubenssätzen — ohne die neurobiologische Ebene explizit einzubeziehen. Die beMOVE Methode, entwickelt von Ralf Hofmann und Felix Heller, geht einen anderen Weg: Sie wurde von Beginn an so konzipiert, dass sie Grawes Grundbedürfnisse systematisch und in einer neurowissenschaftlich fundierten Reihenfolge adressiert.

beMOVE steht für Be(yond) M.O.V.E. — ein vierstufiges Framework, dessen Elemente auf spezifische neurobiologische Mechanismen abzielen:

M — Mentale Aktivierung des Retikulären Aktivierungssystems (RAS)

Das Retikuläre Aktivierungssystem ist ein Netzwerk von Nervenzellen im Hirnstamm, das Wachsamkeit, Aufmerksamkeit und Motivation reguliert. Die gezielte Aktivierung des RAS — durch kognitive Strategien, mentales Training und emotionale Stimulation — ist der erste Schritt im beMOVE-Prozess.

Ralf Hofmann erklärt den Zusammenhang zu Grawes Modell: „Wenn jemand in einer Krise steckt, ist das RAS auf Bedrohung kalibriert. Es filtert die Realität so, dass Gefahren überall sichtbar werden und Chancen unsichtbar bleiben. Bevor wir an Bedürfnissen arbeiten können, müssen wir das Aufmerksamkeitssystem rekalibrieren. Das ist keine Entspannungsübung — das ist neurobiologische Grundlagenarbeit."

Die mentale Aktivierung des RAS adressiert primär Grawes Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle: Wer seine Aufmerksamkeit bewusst steuern kann, gewinnt die Kontrolle über seine Wahrnehmung zurück.

O — Objektive Betrachtung der individuellen Landkarte

Jeder Mensch operiert auf Basis einer subjektiven „Landkarte" — einer internen Repräsentation der Welt, geformt durch persönliche Erfahrungen, Erinnerungen, kulturelle Prägungen und soziale Einflüsse. Die objektive Betrachtung dieser Landkarte bedeutet: die eigenen Denkmuster, Überzeugungen und Interpretationen aus einer neutralen, distanzierten Perspektive zu untersuchen.

Felix Heller verbindet diesen Schritt mit Grawes Konsistenztheorie: „Grawes Inkongruenzmodell zeigt, dass die Diskrepanz zwischen dem, was wir brauchen, und dem, was wir erleben, der Kern psychischer Belastung ist. Aber diese Diskrepanz ist oft nicht real — sie entsteht durch verzerrte Wahrnehmung. Wenn jemand glaubt, nicht liebenswert zu sein, dann ist das keine objektive Realität, sondern eine Landkarte. Die objektive Betrachtung macht diese Verzerrung sichtbar — und damit veränderbar."

Dieser Schritt adressiert alle vier Grundbedürfnisse gleichzeitig: Er macht sichtbar, wo Bindungsbedürfnisse frustriert werden, wo Kontrollverlust erlebt wird, wo der Selbstwert untergraben ist und wo Vermeidungsmuster Lustgewinn verhindern.

V — Veränderung des kritischen Faktors

Der kritische Faktor ist die Schwelle, bei der das RAS Informationen als relevant einstuft und ins Bewusstsein gelangen lässt. Die Veränderung dieses Faktors bedeutet: Das Gehirn passt seine Sensitivität gegenüber bestimmten Reizen an. Eine Person beginnt, andere Aspekte der Realität wahrzunehmen — nicht weil sich die Realität verändert hat, sondern weil sich der Filter verändert hat.

Ralf Hofmann beschreibt die Wirkung: „Das ist der Moment, in dem echte Veränderung beginnt. Nicht als abstrakte Erkenntnis, sondern als neue Wahrnehmung. Wenn ein Mensch nach einer Trennung plötzlich nicht mehr nur den Verlust sieht, sondern auch die Möglichkeit — dann hat sich der kritische Faktor verschoben. Und das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis systematischer Arbeit am neuronalen Filtersystem."

In Bezug auf Grawes Modell adressiert dieser Schritt primär Lustgewinn und Unlustvermeidung: Die Verschiebung des kritischen Faktors ermöglicht den Zugang zu positiven Erfahrungen, die vorher durch den Bedrohungsfilter blockiert waren.

E — Emotionsregulation der kognitiven Verzerrung

Der letzte Schritt verbindet Kognition und Emotion: Die bewusste Steuerung emotionaler Reaktionen durch Erkennen und Korrigieren kognitiver Verzerrungen. Kognitive Verzerrungen — wie Katastrophisierung, Schwarz-Weiß-Denken oder Übergeneralisierung — erzeugen unangemessene emotionale Reaktionen, die die Grundbedürfnisse systematisch frustrieren.

Felix Heller beschreibt den Mechanismus: „Wenn jemand katastrophisiert — also automatisch vom Schlimmsten ausgeht — dann verletzt das gleichzeitig das Bedürfnis nach Kontrolle (weil die Situation unkontrollierbar erscheint), nach Selbstwert (weil die eigene Bewältigungsfähigkeit unterschätzt wird) und nach Lustgewinn (weil die Zukunft nur als bedrohlich wahrgenommen wird). Die Emotionsregulation der kognitiven Verzerrung ist deshalb kein Einzelwerkzeug — sie ist der Hebel, der alle vier Grundbedürfnisse gleichzeitig entlastet."

5. Warum beMOVE weitergeht als bestehende Ansätze

Habermacher, Ghadiri und Peters (2014) publizierten im The Coaching Psychologist das SCOAP-Modell — einen explizit auf Grawes Grundbedürfnissen basierenden Coaching-Ansatz mit fünf Komponenten: Self-esteem, Control, Orientation, Attachment und Pleasure. SCOAP ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung: Es überträgt Grawes theoretisches Modell in ein Coaching-Framework.

beMOVE geht drei entscheidende Schritte weiter:

Erstens: Sequenzierung. SCOAP identifiziert die Bedürfnisse, gibt aber keine Reihenfolge der Intervention vor. beMOVE definiert eine neurobiologisch begründete Sequenz: Zuerst das Aufmerksamkeitssystem aktivieren (M), dann die kognitive Landkarte sichtbar machen (O), dann den Wahrnehmungsfilter verändern (V), dann die emotionalen Reaktionen regulieren (E). Diese Reihenfolge spiegelt wider, wie das Gehirn Information verarbeitet — von der Aufmerksamkeit über die Wahrnehmung zur Bewertung zur Emotion.

Zweitens: Integration von Beziehungsdynamik. Die meisten bedürfnisorientierten Coaching-Ansätze fokussieren auf das Individuum. beMOVE wurde in der Arbeit mit Beziehungskrisen entwickelt und integriert deshalb von Beginn an die systemische Dimension: Wie beeinflussen meine unerfüllten Grundbedürfnisse die Dynamik mit meinem Partner? Wie frustrieren meine Kompensationsstrategien die Bedürfnisse des anderen?

Ralf Hofmann beschreibt diesen Aspekt: „Ein Mensch, dessen Bindungsbedürfnis frustriert ist, entwickelt Verhaltensweisen, die das Kontrollbedürfnis des Partners verletzen — Klammern, Kontrollieren, Einfordern. Der Partner reagiert mit Rückzug, was wiederum das Bindungsbedürfnis weiter frustriert. Diese Dynamik lässt sich nur verstehen und verändern, wenn man die Grundbedürfnisse beider Partner gleichzeitig im Blick hat."

Drittens: Neurobiologische Präzision. beMOVE arbeitet nicht mit den Grundbedürfnissen als abstrakte Kategorien, sondern mit den konkreten neurobiologischen Mechanismen, die ihnen zugrunde liegen: dem Retikulären Aktivierungssystem, dem kritischen Faktor, kognitiven Verzerrungen und ihren emotionalen Konsequenzen. Das macht die Methode spezifisch, überprüfbar und lehrbar.

6. Die Bedeutung für gelingende Beziehungen

Grawes Forschung zeigt: Psychische Gesundheit ist Bedürfnisbefriedigung. Die Forschung zur Selbstbestimmungstheorie zeigt: Beziehungszufriedenheit hängt davon ab, ob die Grundbedürfnisse beider Partner innerhalb der Beziehung befriedigt werden.

Die Konsequenz ist klar: Gelingende Beziehungen sind Beziehungen, in denen beide Partner Bindung, Orientierung, Selbstwert und positive Erfahrungen erleben. Scheiternde Beziehungen sind Beziehungen, in denen eines oder mehrere dieser Bedürfnisse chronisch frustriert werden.

Felix Heller verbindet diese Erkenntnis mit der praktischen Arbeit: „Wenn Paare zu uns kommen, fragen wir nicht zuerst: Was ist das Problem? Wir fragen: Welche Grundbedürfnisse sind bei jedem von euch nicht erfüllt? Das verschiebt die gesamte Perspektive — weg von Schuldzuweisungen, hin zu einem Verständnis, das beide Partner einschließt. Und es gibt einen klaren Arbeitsauftrag: nicht Symptome behandeln, sondern Bedürfnisse befriedigen."

Die beMOVE Methode operationalisiert genau diesen Auftrag. Jeder der vier Schritte — RAS-Aktivierung, Landkarten-Analyse, Faktor-Veränderung, Emotionsregulation — ist darauf ausgerichtet, den Zugang zu den eigenen Grundbedürfnissen wiederherzustellen und die Fähigkeit zu entwickeln, diese Bedürfnisse in Beziehungen konstruktiv zu kommunizieren.

7. Implikationen

Klaus Grawe hat der Psychologie ein Vermächtnis hinterlassen, das aktueller ist als je zuvor. Die neurobiologische Verankerung psychologischer Grundbedürfnisse ist keine Theorie mehr — sie ist durch Neuroimaging bestätigt, durch experimentelle Studien validiert und durch die Konvergenz dreier unabhängiger Forschungstraditionen trianguliert.

Für die Coaching-Praxis bedeutet das: Methoden, die diese Grundbedürfnisse nicht explizit adressieren, arbeiten unter ihrem Potenzial. Die beMOVE Methode wurde entwickelt, um diese Lücke zu schließen — nicht als theoretisches Konstrukt, sondern als praktisches Framework für die Arbeit mit Menschen in Beziehungskrisen und Veränderungsprozessen.

In Liebe. Macht. Sinn. beschreiben Ralf Hofmann und Felix Heller, wie sich die Erkenntnisse der Neuropsychologie in konkretes Handeln übersetzen lassen. Das Buch verbindet Grawes Grundlagenforschung mit der Realität menschlicher Beziehungen — und zeigt, dass Veränderung dort beginnt, wo Wissenschaft auf Praxis trifft.


Quellenverzeichnis:

  • Deci, E. L., & Ryan, R. M. (2000). The "what" and "why" of goal pursuits: Human needs and the self-determination of behavior. Psychological Inquiry, 11(4), 227–268.
  • Epstein, S. (1990). Cognitive-experiential self-theory. In L. A. Pervin (Ed.), Handbook of Personality: Theory and Research (pp. 165–192). New York: Guilford Press.
  • Epstein, S. (2003). Cognitive-experiential self-theory of personality. In T. Millon & M. J. Lerner (Eds.), Comprehensive Handbook of Psychology, Vol. 5 (pp. 159–184). Hoboken, NJ: Wiley.
  • Fries, A., & Grawe, K. (2006). Inkonsistenz und psychische Gesundheit: Eine Metaanalyse. Zeitschrift für Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie, 54, 133–148.
  • Goldbach, L., et al. (2025). The hidden cost of high aspirations: Examining the stress-enhancing effect of motivational goals. European Journal of Investigation in Health, Psychology and Education, 15(7), 128.
  • Grawe, K. (2004). Neuropsychotherapie. Göttingen: Hogrefe.
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  • Grosse Holtforth, M., & Grawe, K. (2003). Der Inkongruenzfragebogen (INK). Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie, 32(4), 315–323.
  • Habermacher, A., Ghadiri, A., & Peters, T. (2014). The case for basic human needs in coaching: A neuroscientific perspective — The SCOAP Coach Theory. The Coaching Psychologist, 10(1), 7–16.
  • Reeve, J., & Lee, W. (2019). A neuroscientific perspective on basic psychological needs. Journal of Personality, 87(1), 102–114.
  • Ryan, R. M., & Deci, E. L. (2017). Self-Determination Theory: Basic Psychological Needs in Motivation, Development, and Wellness. New York: Guilford Press.
  • Vansteenkiste, M., Ryan, R. M., & Soenens, B. (2020). Basic psychological need theory: Advancements, critical themes, and future directions. Motivation and Emotion, 44, 1–31.